Ein hölzernes Gedächtnis und wie die Walnuss unsere Wiesen pflegt 

200 Gramm; In Plastik verpackte schrumpelige Nüsse. Ich bin in Hamburg geboren und in der Großstadt aufgewachsen - eine Walnuss war für mich vor allem das. Ein Lebensmittel. Viel Luft, viel Müll und häufig ganzschön teuer. Einmal im Jahr, zu Weihnachten bei der Oma, wurden Nüsse geknackt. Man setzt den Nussknacker am Saum der zwei Schalenhälften an und mit viel Gewalt (so kam es mir als Kind vor), wird so der weiche Kern enthüllt. Doch erst im Studium lernte ich, viele Jahre später, die Walnuss, das ist mehr als nur die Frucht.

Vor drei Jahren, als meine Eltern in eine walnusshölzerne Küche zogen - schicke Maserung, dunkler Ton – da merkte ich zum ersten Mal, die Walnuss ist nur die Kirsche auf dem Sahnetörtchen. Neben der Frucht, spielt auch das Öl, das Holz und der Baum als Ökosystem eine wichtige Rolle. Mit einer durchschnittlichen Dichte von 671 kg pro Kubikmeter gehört Walnussholz zu den härtesten Hölzern Europas (Bachtiar et al. 2017). Nicht nur schick, auch standhaft ist der Baum. Außerdem wächst er fast überall auf der Welt. Ich bin mir sicher, währe Juglans regia ein Instagram-Influencer, würden ihm viele folgen.

Doch die Realität sah lange leider anders aus. Laut dem statistischen Landesamt Baden-Württemberg ist zwischen 1965 und 1990 die Anbaufläche für Streuobst (wozu auch die Walnuss gezählt wird) um 37% zurückgegangen. Und das, obwohl der Walnussbaum selbst zur Erhaltung von Wiesen beiträgt. Wenn man z.B. Samen anderer Pflanzenspezies mit dem braunen Saft der Walnussblätter beträufelt, verhindert das Molekül Juglon (einzigartig unter den Walnussgewächsen) das Keimen der Saat. Klingt gemein, aber so kann das Verbuschen von wilden Wiesen langfristig verhindert werden. Ein Ökosystem, in dem in Deutschland bedrohte Arten wie der Steinkauz, oder die Zaunammer leben.

Zum Glück, ist seit 1990 der Trend aber wieder ganz vielversprechend. Es werden mehr Walnussbäume gepflanzt und mit einer jährlichen Produktion von 18 000 Tonnen ist zwar noch viel Luft nach oben, aber von einer nussigen Zukunft kann man trotzdem schon träumen (FAO & USDA 2020). Auch unabhängig von den Zahlen bietet der Anbau von Walnüssen für viele vor allem ein Einstieg, oder auch ein Weg zurück in profitable, zukunftsfähige Landwirtschaft.

Bei meiner Recherche traf ich auf die Geschichte von zwei Bauern, auf zwei Seiten der Erde, die insgesamt über 30 Walnussorten anbauen. Erst traf ich auf den Kalifornier Mike Machado. Weiße Zähne, graues Haar, tiefrote Krawatte und eine große Nase. Mit einem Master von der Harvard Agribusiness School, diente er acht Jahre im kalifornischen Senat. Dann Vivian Böllersen. Sie kommt aus Brandenburg und hat nach ihrem Studium begonnen Walnüsse zu pflanzen. Genau wie Mike. Beide haben verstanden, dass es sich wegen des Klimawandels lohnt auf mehrjährige Pflanzenarten und auf genetische Vielfalt zu setzen. Schon 2011 hatten die Wissenschaftler Dobell und Field den Nachweis erbracht, dass unter 20 Streuobstarten 19 sich dem wandelnden Klima würden anpassen können.  Noch dazu kommt, dass nach der Ernte der Nüsse, oder dem Fällen der Bäume Juglans regia durch seine Wertschöpfungskette Millionen Menschen auf der Welt verbindet, ob aus der Ukraine, aus China, dem Iran, oder aus Indien.

Doch vor allem eins ist mir nach der Recherche in Erinnerung geblieben. Dieses hölzerne Gedächtnis existiert schon seit 3,45 Millionen Jahren auf der Erde. Ungefähr 11-mal so lange wie der Homo sapiens. Mit jeder geknackten Walnuss offenbaren sich also mehr als drei Millionen Jahre Geschichte und der Lebensinhalt vieler Millionen Menschen. Ein essbares Fossil, dem man die vielen Falten eigentlich nicht übelnehmen kann.

200 Gramm; harte Schale, weicher Kern. Mein Fazit: Juglans regia ist mehr als nur ein Baum unter vielen. Als Lebensmittel, als Wiesenpfleger und als Symbol für eine globale, grüne Spezies werden wir vom Walnussbaum noch vieles lernen.

Autor: Finn Grundmann (concretegreensolutions.com)